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Warum es gut ist, ein Täter zu sein

Bild Jürgen aus dem Münchner MerkurSchnell, selbstsicher, souverän – Selbstverteidigungstrainer Jürgen Schaffrath (r.) lernt seinen Schülern, wie sie sich im Notfall am besten helfen können.

Dachau – Sich wehren, das haben die Menschen verlernt. Doch das ist gefährlich. Deshalb will es ihnen der Selbstverteidigungstrainer Jürgen Schaffrath wieder beibringen.

Die Devise von Jürgen Schaffrath: nicht den Kampf suchen, aber vorbereitet sein. Auf das Schlimmste.

Wir stehen auf einer blauen Turnmatte, unsere Körper einander zugewandt, die Beine hüftbreit, die Knie ein klein wenig angewinkelt. Keine Angriffsposition, eher abwartend. Aber gespannt. Plötzlich schnellt Jürgen Schaffraths Arm nach vorne, in Richtung meines Bauchs. Ich versuche, ihn abzuwehren, mit meiner Hand gebe ich dem Arm einen kleinen Klaps. Keine Chance. Ich bin erstens zu langsam und zweitens zu vorsichtig. Schaffrath aber ist erstens sehr zielgerichtet und zweitens gewappnet. Immer wieder schafft er es, mich zu erwischen. Ich blamiere mich. Dann hört er auf. Er tritt einen Schritt zurück, wir stehen nun eineinhalb Meter voneinander entfernt. Und schon bin ich im Vorteil. Ich kann jeden Angriff abwehren – und Schaffrath kippt fast dabei um. So einfach ist das Ganze. Wie erleichternd. Nur eine kleine Veränderung, schon bin ich im Vorteil.

Genau dies will Jürgen Schaffrath, der die Selbstverteidigungstechniken auch auf der DVD „Protect your Neck“ erläutert, seinen Schülern beibringen. Der 36-Jährige ist leitender Trainer für Selbstverteidigung im RumbleClub Dachau (ehemals MAC Dachau) – aus Leidenschaft. Denn sein Vollzeitjob ist ein anderer: Er arbeitet als behördlicher Einsatztrainer. Doch Selbstverteidigung ist ihm für alle wichtig. Sie liegt ihm am Herzen. Er will den Menschen beibringen, wie sie nicht zum Opfer werden. Sondern zum Täter.

„Täter bedeutet ja an sich nichts Negatives, es bedeutet nur, dass man etwas ,tut‘“, erklärt Schaffrath. „Dass man aktiv ist, nicht passiv.“ Erst in unserer Gesellschaft sind Täter per se zu etwas Negativem geworden – zum „Kriminellen“. In unserer Gesellschaft, dieser hochzivilisierten, in der es passieren kann, das ganze Leben lang kein einziges Mal mit Gewalt konfrontiert zu werden. Wenn man Glück hat. „Mach’ nie dumme Dinge mit dummen Leuten an dummen Orten“, das ist ein wichtiger Leitspruch Schaffraths. Ein anderer aber lautet: „Gegenwehr schützt. Und hilft.“ Das ist sogar statistisch bewiesen, vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Und genau daran orientiert sich Schaffrath. Nicht den Kampf suchen, aber: vorbereitet sein. Auf das Schlimmste.

Wir stehen wieder einander gegenüber. Unsere Arme hängen herunter. Jürgen Schaffrath blickt zu Boden. Er wankt ein wenig hin und her, plötzlich schnellt seine Hand nach oben – patsch. Ich habe meinen Arm noch nach oben gerissen, versucht, den Klaps auf die Wange aufzuhalten, aber: zu spät. Viel zu spät. Es geht ein paar mal so. Mal links, mal rechts. Immer bin ich zu spät. Ärgerlich. Sehr ärgerlich. Trotzdem muss ich fast lachen – so hilflos bin ich. „Und jetzt nehmen Sie die Hände vor den Körper“, sagt Schaffrath. Ich gehorche. Seine Hand schnellt wieder vor – doch nun kann ich sie rechtzeitig festhalten. Ganz fest. Geschafft. Ich lache, eigentlich könnte ich jubeln: Ich habe mich zur Wehr gesetzt.

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir dazu erzogen werden, keine Gewalt anzuwenden“, sagt Schaffrath. „Das geht bei den meisten Menschen so weit, dass sie nicht einmal Gewalt anwenden können, wenn sie angegriffen werden.“ Wenn sie sich eigentlich verteidigen sollten. Und genau diesen Unterschied in der Einstellung, den spüren die meisten Angreifer. Denn: Sie suchen Opfer. Keine Herausforderung. Sie wollen den leichtesten Weg gehen. Den ohne Widerstand.

Das gilt für den Verbrecher, der einen einsamen Passanten auf einer dunklen Straße verfolgt, genauso wie für den Ehemann, der seine Frau demütigt, oder den Zwölfjährigen, der auf dem Pausenhof seinen Mitschüler traktiert. Denn Gewalt, sagt Schaffrath, fängt schon viel früher an. Bei Mobbing, bei der Bedrohung, schon bei der wiederholten Beleidigung. „Die Frage ist: Wie viel lasse ich über mich ergehen, bis ich mich wehre?“, betont Schaffrath.

Das Wehren, das haben die Menschen heutzutage verlernt. Denn sie müssen sich kaum wehren. Schon in der Schule gehen Streitschlichter, Jugendpsychologen oder Mediatoren zwischen die Kontrahenten. Was Schaffrath nicht kritisiert, nur: „Sogar Raufspielchen sind schon verboten. Dabei lernen die Kinder aus solchen Situationen.“ Ab und zu mal eine kleine Rauferei unter Gleichaltrigen, unter Kontrahenten, auch mal zwischen dem Sechsjährigen, der aufmuckt, und dem Zehnjährigen, der die Hierarchie wiederherstellen will – das sind Erlebnisse, bei denen alle Teilnehmer auch was lernen: Wie viel Gegenwehr ist nötig, wie viel angebracht?

Erfahrung, das ist es eben, was den meisten fehlt. Und die bietet Schaffrath. In seinen Kursen werden Szenen nachgestellt, gefilmt, durchgesprochen. „Allein durch die Erfahrung solch eines Szenarios lerne ich, mit gewissen Situationen umzugehen“, sagt Schaffrath. Die Teilnehmer lernen, dass Angst absolut normal ist. Dass dieses dominante Gefühl sogar hilft: „Sie sorgt dafür, dass wir Höchstleistungen bringen können.“ Der erhöhte Herzschlag: Nur ein Zeichen des Körpers, dass er jetzt bereit zu allem ist. Sie lernen eine aufrichtige Körpersprache. „Kopf hoch, Brust raus, Schultern zurück.“ Sicheres Auftreten, sicheres Artikulieren. Distanz wahren, Grenzen ziehen. „Sie müssen davon überzeugt sein, dass es das Beste ist, was sie tun konnten.“

Und eben: Verteidigungsgriffe. Jürgen Schaffrath stellt sich vor mich. Bedrohlich. „Ich werde jetzt versuchen, Sie zu mir zu ziehen. Und Sie drücken dagegen, mit beiden Händen.“ Ich lege meine Hände auf seine Brust, er packt meine Schultern – und ich kann nichts dagegen tun. Ich bin zu schwach, wehrlos. „Jetzt legen Sie ihren rechten Arm schräg über meine Brust, die Hand ausgestreckt nach oben.“ Ich gehorche. Er packt meine Schultern, zieht und zieht – aber ich bin stärker. Oder gewiefter, in diesem Fall. Mein schräg gestellter Arm kann den Angriff locker stemmen. „Genau das ist es“, sagt Schaffrath. „Einfachste Anwendungsformen bei höchstmöglicher Effektivität.“

Gewusst wie. Und gewusst, dass es geht. Genau das will Schaffrath seinen Kunden beibringen. Einmal kam eine Frau zu ihm, Mitte 30. Sie war bereits Opfer von häuslicher Gewalt geworden – wie so viele seiner Schüler. Monatelang ging die Frau in seine Stunden, in die Selbstverteidigungskurse, ins offene Training. Bis sie eines Tages strahlend vor Schaffrath stand, stolz. Ihre Kollegen hatten ihr gesagt: „Du bist vom Opfer zum Täter geworden.“ Geschafft.

Vielen Dank an Nina Praun und den Münchner Merkur für diesen tollen Artikel.

http://www.merkur.de/lokales/dachau/dachau/warum-ist-taeter-sein-2791543.html